Dienstag, 22. August 2017

Zeche Zollverein - Energiequelle der Industrialisierung

Weltkulturerbe und Sinnbild für den Kohlenpott: Zeche (und Kokerei) Zollverein in Essen, 1851 gegründet von Haniel (Geschichte). Die Zechen des Ruhrgebiets lieferten bis zu 75 % des deutschen Energiebedarfs und bildeten damit das "Herz" der deutschen Industrialisierung und des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg. 

Als man in den 1960er Jahren von Hand- auf maschinellen Abbau umgestellte, konnten über Schacht XII statt bisher 15.000 nunmehr 22.000 t am Tag gefördert werden, das heißt in 16 Stunden, denn die Nachtschicht war zum Reinigen, Warten und Reparieren da.

Was für eine logistische Leistung dahinter steckt, wird am Beispiel der Förderwagen deutlich: Ein Wagen (irrtümlich Lore genannt) faßt eine Tonne. Bei einer Förderung von 15.000 t in 16 Stunden kommen knapp 940 Wagen pro Stunde = knapp 16 pro Minute = alle 4 Sekunden einer aus der Tiefe auf die Gleise über Tage, muß entleert und wieder unter Tage geschickt werden. Der Betrieb darf nicht abreißen, weil die benachbarte Kokerei ständig "Futter" braucht (sonst geht sie kaputt).

Die maschinell abgebauten 22.000 t am Tag waren mit Förderwagen nicht mehr zu bewältigen; man ersetzte sie durch Förderbänder und große Fördergefäße an den beiden Seilen des Doppelbock-Fördergerüsts von 1930.

Das technisch und personalmäßig zu organisieren ist auch aus heutiger Sicht eine phänomenale Leistung. Wenn man aber durch die Anlage geht - wir hatten eine profunde Führung - kann man kaum glauben, daß diese Art zu arbeiten (daran krank zu werden und zu sterben) noch gar nicht so lange her ist. Und doch: Hier wurde der Wohlstand geschaffen, auf dem unsere heutige Lebensqualität aufruht.

Fritz Schupp und Martin Kremmer entwarfen eine streng funktionalistische und minimalistische Architektur und schufen so die "schönste Zeche der Welt". Die Anlage ist vollständig erhalten. Darum ist die in die Welterbeliste eingetragen worden.



Fuß des Fördergerüsts:







Tor mit Pförtnerlogen:





Der Förderbetrieb mit Wagen war, wie gesagt, abgeschafft worden. Man hat dies hier für die Besucher rekonstruiert.



In dieser Halle wurden die Förderwagen, die, durch Schwerkraft angetrieben, auf vier Gleisen heranrollten zu den optimierten Kippanlagen, den nach ihrem Erfinder sogenannten Hasenclevern.












Seit Beginn des Bergbaus hat sich hier die Erdoberfläche im um bis zu 25 Meter gesenkt. Der Rhein fließt heute "über" weiten Teilen des Ruhrgebiets, dessen Zechen und Grundwasser darum ständig abgepumpt werden müssen. 5,5 Millionen Einwohner wird so der Umzug erspart.


Das in der Kokerei aus Kohle erzeugte "Koks" (engl. Coke...) - reiner Kohlenstoff mit Asche - ist übrigens praktisch Holzkohle, nur nicht aus frischem sondern fossilem Holz. Die übrigen Inhaltsstoffe wurden der Kohle beim Verkoken entzogen und in der chemischen Industrie verarbeitet, die "weiße Seite" der Kohleindustrie. Aus dem in der Kohle eingelagerten Pflanzenfett machte man auch Margarine.



Fast alle sichtbaren Erhöhungen sind künstlich: Abraumhalden. Das mit der Kohle zu Tage geförderte Gestein wird seit dem Beginn des maschinellen Abbaus nicht mehr wieder im Berg verfüllt - damit hatte man erfolglos versucht, die Bergsenkung zu verhindern - sondern auf Halde gelegt und z. B. für Deich- und Polderbau verkauft. Der bis zu 30%ige "Restkohle"-Anteil in den Halden führt oft zu nicht löschbaren Schwelbränden im Innern - sog. brennenden Halden.



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